Cinderellas Heimkehr


Lang und beschwerlich war die große Überfahrt und dennoch spürte sie
tief in sich, dass es richtig war diesen Schritt zu gehen.
Erwartungsvoll stand sie an der Reling des Zweimasters und freute
sich über ihre baldige Ankunft. Die frische Brise zerzauste ihr Haar.
Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nasenspitze und die aufspritzende
Gischt benetzte erfrischend ihr zartes Antlitz.
Einst in der neuen Welt geboren, fühlte Cinderella eine große Sehnsucht
nach dem Land in dem die Wurzeln jenes Märchens liegen, dem sie
selbst einmal entsprang.
Vorbei sollten sie sein die Zeiten, in denen sie sich hilflos einem
Schicksal fügte, das nicht mehr länger mit ihren Wünschen und
Träumen einher ging.
Mutig und entschlossen suchte sie in deutschen Landen für sich und ihr
nun modernes Wesen nach einer angemessenen Bleibe.
Der lange Weg führte sie in eine Gegend von atemberaubender
Schönheit.
In der Ferne schlängelte sich gemächlich ein Fluss durch die Region, an
dessen Strand die Zinnen der Stadt am Eschenweg im warmen
Zinnoberrot leuchteten.
Versonnen ließ sie ihren Blick von einer Anhöhe herab über das Tal
schweifen und erfreute sich an dessen Herrlichkeit.
Cinderella erkannte den hier herrschenden Einklang zwischen der
Natur mit Mensch und Tier und fühlte den tiefen Frieden der über
diesen Auen schwebt.
Ihre Gabe mit den Tieren sprechen zu können nahm sie zum Anlass,
noch ein kleines Stückchen weiter des Weges durch das Werratal zu
reisen. Von dem Wunsch beseelt, diesen Einklang zu vervollkommnen,
wollte sie den dort einst geschlossenen Pakt zwischen Menschen und
den Wölfen erneuert wissen.
Somit wusste sie auch um ein Schloss, unweit von hier, das bisher
keiner Märchenprinzessin als Residenz diente und gleichsam von großer
Wichtigkeit für dieses Bündnis sei.
So ritt sie auf ihrem Rappen weiter durch duftende Blumenwiesen,
vorbei an bestellten Äckern und den Badeseen, wo kleine Boote und die
Werra- Nixe kreuzten. Die Menschen, die am Uferrand in der Sonne
lagen, winkten ihr zum Gruße und lächelnd erwiderte sie die
freundliche Art und Weise. Bald darauf erreichte sie das Ziel ihrer
Reise, das zauberhafte
Schloss Wolfsbrunnen.

Jenes Schloss unterlag, ähnlich wie Cinderella selbst, dem Wandel der
Zeit.
Einst die Wohnstatt von zweier sich liebenden Edelleuten, wurde aus
diesem märchenhaften Anwesen eine Herberge von anmutigem Liebreiz.

Seither finden sich hier Menschen aus dem ganzen Land ein, zu
Unterredungen und um in dieser Kulisse gemeinsam zu feiern und zu
tafeln.
Cinderella ist es mehr als recht nicht ganz allein in einem Schlosse leben
zu müssen und freut sich über die vielen Leute die hier ein und aus
gehen.
Wird ihr der Trubel zu viel, zieht sie sich sich zurück in das kleine
Türmchen, in dem seit kurzer Zeit eine Eule lebt. Die kleine
Schleiereule Roberta wurde zu ihrer Vertrauten und Beraterin.
An Tagen, an denen sich Liebende im Schlosse einfinden, um sich auf
ewig ihr Jawort zu geben, ist die Prinzessin, wenn auch unsichtbar,
zugegen, um ihren eigenen liebevollen Segen den beiden zuteil werden
zu lassen.

Hofft man jedoch auf ein persönliches Zusammentreffen mit Cinderella
auf Schloss Wolfsbrunnen, schenke man den offiziellen
Ankündigungen hierzu Beachtung. Die vielen guten Taten die sie von
ihrer nun gefundenen Residenz aus vollbringen wird, ihre Abenteuer
und Ausflüge durch das Werratal dürfen in weiter folgenden
Geschichten über Cinderella gelesen werden.

Ein Besuch dieses märchenhaften Ortes lohnt sich in jedem Fall. Und
wer weiß, vielleicht sieht man sie dann doch gedankenversunken durch
den Rosengarten wandeln, der sich durch ihre Anwesenheit liebevoll im
Park gestaltet und ausbreitet.
© Ina Corbeau