Ein Hochzeitsmärchen


Es war einmal ein wunderschönes Prinzesschen, das
wohlbehütet im Königreich ihrer Eltern heranwuchs.
Doch der Tag kam, an dem sie dieser Zeit unbeschwerter
Kindertage überdrüssig wurde und sich danach sehnte, in
der weiten Welt das zu finden, was sie trotz allem
Reichtum im elterlichen Schlosse nicht fand.
Durch den Park wandelnd ersann sie einen Plan, um den
Segen vom gesamten Reich zu erhalten und um allein zu
ergründen, was es sei.
Zum alten König und seiner Gemahlin sprach die Tochter,
dass sie größeres Wissen außerhalb des Königreiches
finden wolle und begab sich auf die Reise in die Stadt der
Gelehrten, um sich in deren Fakultät einzuschreiben.
Die Eltern freuten sich über den Fleiß ihrer Prinzessin und
beluden Wagen um Wagen mit Kostbarkeiten, dass es der
geliebten Tochter in der Fremde an nichts mangeln sollte.
Dankbar nahm sie alle Gaben an sich und richtete ihr fort
an bescheidenes Heim, ohne jegliche Dienerschaft,
dennoch behaglich ein.

Etwa zur selben Zeit erging es einem hochgewachsenen
Jüngling von edlem Geblüt und fernem königlichen Hause
gar ähnlich.
Viele Schönheiten eines jeden Standes lebten in seinem
Reich, doch empfand er für keine das, was er sich erhoffte.
So erhörte er auch nur halbherzig die Liebesschwüre der
Bauerntochter Jasscei, die allgegenwärtig zu sein schien,
wie auch immer sie das anstellte, scharwenzelte sie um ihn
herum und buhlte um seine Gunst.
Prinz Simon aber fühlte tief in sich herinnen eine große
Leere, die er zu zerstreuen suchte.
So verließ er seine Veste mitten im sagenumwobenen
Walde Odins, um sich und sein Wissen an einer nahen
Akademie zu vervollkommnen.

Als die Bauerntochter Jasscei von des jungen Prinzen
Auszug hörte, füllte sich ihr verschmähtes Herz mit
Boshaftigkeiten gegen den Jüngling.
Der schwarzen Magie kundig, bediente sie sich eines
Bannes, den sie über den Prinzen legte, auf dass sein Herz
blind sei und die wahre und reine Liebe einer Frau nicht
mehr erkennen möge.
Stattdessen soll er bei den Gelehrten vergessen, wonach
ihm wirklich verlangt und unverrichteter Dinge
heimkehren, damit er nur noch Augen für sie und
vielleicht auch für die Schönheit der Blumen hätte.
Jasscei brach zufrieden in schallendes Gelächter über
ihren bösen Bann aus. Die Ergänzung, dass der Prinz
neben ihr auch noch Blumen lieben sollte, empfand sie als
belustigend, wenn auch überflüssig.
Bald darauf kam der Morgen an dem die Prinzessin und
der Prinz, ein jeder für sich, doch beide gleichsam voller
Tatendrang, die Empfangshalle des großen Hauses der
Gelehrten betraten.
Beide bildeten nur ein Quäntchen der Menschenschar, die
auf den Gängen und Fluren ebenfalls die jeweiligen Säle
ihrer Gebiete des Wissens suchend, umherirrte.
Rasch fand der Prinz in den oberen Stockwerken die
richtige Tür, die zur selben Zeit von der Prinzessin
erreicht wurde. Tief ergriffen vom Anblick ihrer
elfengleichen Erscheinung, öffnete der Prinz für sie die
Tür, um sie hindurch schreiten zu lassen. Außer Stande
auch nur ein einziges Wort des Grußes an sie zu richten,
gelang ihm wenigstens ein scheues Lächeln.
Sein Herz schlug schnell und heftig. Unauffällig versuchte
er immer wieder einen Blick auf die schöne Prinzessin zu
erhaschen. Wohin sie sich wohl setzen würde? Indes
spähte wiederum die Prinzessin nach dem Prinzen, war er
doch jener, der sich als höflich erwies. Und weil sie unter
all diesen ihr fremden Menschen niemanden kannte, setzte
sie sich schweigend neben ihn.
Hoch erfreut stellte er sich der holden Schönheit vor und
fragte, wie der ihrige Name sei.
Als sie ihm antwortete: " Man nennt mich Prinzessin
Jasmin von der Graburg", wurde es dem Prinzen sehr
warm ums Herz. Tiefe Glückseligkeit breitete sich in ihm
aus und lächelnd folgte er den Worten des Gelehrten am
Stehpult.
Und mit jedem mal, in dem Prinzessin Jasmin in seine
Augen blickte, fühlte Prinz Simon mehr und mehr wie die
schweren Ketten des Bannes, die von der arglistigen
Bauerntochter um sein Herz gelegt waren, abfielen.
Obwohl das Böse immer und überall gegenwärtig,
mächtiger ist und bleibt jedoch die Liebe und die, die
reinen Herzens sind.
So führte Prinz Simon kurz darauf seine wunderschöne
Blume mit auf seine Veste mitten in Odins Walde, wo sie
seither voller Güte und Liebe das Reich Seite an Seite
regieren.

© Ina Corbeau