Erkenntnisse


Die ersten Sonnenstrahlen berühren mein Gesicht, kitzeln meine Nase. Mit
geschlossenen Augen hebe ich die Arme, breite sie aus, um das Licht zu
empfangen und um es zu ehren.
Das Gras, von der Nacht noch kühl und taunass, erfrischt meine nackten
Füße. Die Welt ist noch nicht erwacht, bis auf die Vögel, die ihr
Morgenlied anstimmen, um den neuen Tag zu begrüßen.
Ich frage das Universum, ob in diesem Sommer mein Wunsch sich erfüllen
wird.
Der leichte Wind, der darauf antwortet, wispert mir zu:
"Ja, diesen Sommer. Lange trägst Du diesen Wunsch schon in Dir, doch
erst jetzt bist Du wirklich bereit."
Erleichtert danke ich dafür und spaziere noch ein wenig durch den Garten.
Die Katze gesellt sich zu mir, springt auf einen Sandsteinsockel und
beginnt sich emsig zu putzen. Gedankenvoll streichle ich über ihr seidiges
Fell.
Dann neigt sich der Sommer seinem Ende entgegen. Schwermut erfüll mein
Herz. "Bleib doch noch! Geh´ noch nicht", klage ich, unweit vom
Geißblatt. Und aus den betörend duftenden Blüten des Strauches flüstert
es: "gedulde Dich, es wird geschehen."
Geduld, ja Geduld! Der Sommer geht, was hat der Wind für einen Unsinn
geredet?
Schon werden die Nächte länger, die Sonne sieht nur für wenige Stunden
vorbei.
Nebel steigen aus den Wiesen auf und die Herbststürme erlauben es mir
nicht mehr barfuß im Morgentau zu laufen.
Die Akazien halten nicht mehr länger an ihren Blättern fest. Die
Drachenweide bereitet sich auf den Winter vor.
Eines Nachts habe ich einen Traum, der alle Zweifel plötzlich von mir
nimmt.
Eine alte Frau, der ich eine schwere Tasche nach Hause tragen helfe,
belohnt mich dafür mit einem Satz: "Du wirst ihm begegnen und ihn
erkennen, wenn er Dir mitten im Winter die köstlichen Früchte des
Sommers bringt."
Der erste Schnee fällt, aber er bleibt noch nicht. Es ist ein verregneter
kalter Abend, im November, als ich in Deine Augen blicke.
Du bist ein Fremder mit dem Herzen auf den Lippen, ungezwungen und
unbekümmert. In Gesprächen lernen wir einander besser kennen. Du weißt
von Dir zu sagen, den Sommer zu jeder Jahreszeit heraufbeschwören zu
können......
Geduld soll mich weiter tragen. Tiefer in den Winter hinein. Mit laut
klopfendem Herzen einem neuen Lebensgefühl entgegen.

© Ina Corbeau